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HMONG sein. Begegnung mit einer Familie / Projektbeschreibung

von Roland Platz, Bettina Renner und Barbara Schindler

Diaspora auf der schwäbischen Alb

Im Ethnologischen Museum in Berlin-Dahlem ist seit 2011 die Ausstellung „Mythos Goldenes Dreieck“ zu sehen, die die aktuellen Lebensbedingungen verschiedener Bergvölker in Südostasien aufzeigt. Um darauf aufmerksam zu machen, dass VertreterInnen dieser ethnischen Minderheiten auch in Deutschland leben, wurde in Texten und Fotos eine auf der Schwäbischen Alb lebende Hmong-Familie vorgestellt. Um dieser in der Diaspora lebenden Gruppe auch eine Stimme zu geben und an prominenter Stelle den Gegenwartsbezug im Museum zu verstärken, schlug der Kurator Roland Platz für das Humboldt Lab vor, einen Film mit der Familie Vang zu drehen, mit der er über die Jahre in Kontakt geblieben war. Hinzu kam die Dokumentarfilmerin Bettina Renner, die gerade an der Installation „Vision: Humboldt-Forum“ für die Humboldt-Box arbeitete. In gemeinsamen Gesprächen zwischen Kurator, Filmregisseurin und der Familie Vang über die Darstellbarkeit von Identität wurde die kuratorische Idee konzeptionell weiterentwickelt und das eigentliche Humboldt Lab-Projekt begann.

Hausbesuch mit Kamera

Die Hmong sind eine in mehreren Ländern Südostasiens und im Süden Chinas lebende Minderheit von etwa zwei bis drei Millionen Menschen, die vorwiegend in den Bergen ansässig ist und deren Kultur und Sprache sich von der umliegenden Tieflandbevölkerung grundsätzlich unterscheidet. Ende der 1970er Jahre flohen viele der Hmong vor dem auch in Laos wütenden Vietnam-Krieg nach Kanada, Amerika und nach Europa – vor allem nach Frankreich und Deutschland. Als eine von zehn Hmong-Familien lebt die Familie Vang in der dritten Generation in Baden-Württemberg. Anlässlich einer Einladung zum 50. Geburtstag von Yao Vang fuhren der Kurator und die Regisseurin in die süddeutsche Provinz. Nach einem kuratorischen Briefing und der grundsätzlichen Festlegung der im Film zu verhandelnden Themen besprach Bettina Renner alles Weitere mit der Familie Vang. Gemeinsam erörterten sie diverse Fragen nach dem Fortbestehen und dem Wandel ihrer Identität als Hmong – welche Rolle spielt die Sprache, welche Rolle die Religion, die Familie, die eigene Kultur, wie ist das Verhältnis zu Deutschland, zu den Nachbarn im Ort, was vermissen sie am meisten, wie unterscheiden sich die Generationen in ihren Antworten innerhalb der Familie? Alle Fragen wurden unmittelbar in das Drehbuch eingearbeitet und im Prozess kontinuierlich mit den Vangs weiterentwickelt. Entsprechend war der erstellte Drehplan flexibel angelegt und wurde auch während der Dreharbeiten ab und an verändert, um auf die Dynamik innerhalb der Familie, aber auch auf ihre spontanen Vorschläge eingehen zu können. So beschlossen zum Beispiel Frau Vang und ihre Schwägerin kurzfristig, Klebreiskuchen in traditioneller Art herzustellen – eigentlich eine Neujahrs-Tradition bei den Hmong, die aber beiden so wichtig war, dass sie in die filmische Darstellung integriert ist, obgleich die Dreharbeiten im Sommer stattfanden. Aus unterschiedlichen Gründen (zum Beispiel weil es keine Drehgenehmigung gab) entschieden die einzelnen Familienmitglieder, sich nicht am Arbeitsplatz, der Schule oder Ausbildungsstätte filmen zu lassen, sondern nur im privaten Umfeld.

Zur aktiven Teilnahme am Projekt gehörte auch die Sprachwahl: Da sie Teil des Selbstbildes ist, sollten die Familienmitglieder jeweils entscheiden, in welcher Sprache sie von sich erzählen wollten. Je nach Generationenzugehörigkeit redeten sie auf Hmong, Deutsch bzw. Schwäbisch in die Kamera, oder auch auf Französisch. Entsprechend hatte die Regisseurin ein zweisprachiges, deutsch-französisches Filmteam ausgewählt. Der komplette Film wurde Deutsch und Englisch untertitelt.

Dem Filmteam standen acht Drehtage zur Verfügung, wobei die Regie jeweils vor und nach den Dreharbeiten allein ein paar Tage vor Ort blieb, um eventuelle Fragen der Familie beantworten zu können. Nach Abschluss der Dreharbeiten war Bettina Renner mehrfach auf der Alb, um gemeinsam mit dem ältesten Sohn Tchoua Vang und den Cousinen Rosana und Liliana Vang die Übersetzungen von Hmong ins Deutsche vorzunehmen. Auch fuhr sie mit der Rohschnittfassung im Gepäck noch ein Mal nach Baden-Württemberg, um diese mit der Familie final zu besprechen. Einverständnis und Beteiligung der Familie Vang am gesamten Prozess waren wesentliche Teile des Gesamtprojekts.

Loop und Short Cut, zwei Filmformate als Annäherung

Um das Produkt optimal in die Ausstellung integrieren zu können, entwickelte die Regie in Zusammenarbeit mit der Editorin einen umfänglicheren Film sowie mehrere kurze, sogenannte Shorts.

Der 25-minütige Film sollte sowohl auf der visuellen Ebene als auch akustisch als Loop funktionieren und damit den AusstellungsbesucherInnen sowohl die Möglichkeit geben, jederzeit in den Film einsteigen, als auch beim kurzen Betrachten etwas für sich mitnehmen zu können. Räumlich etwas abgegrenzt und mit Sitzmöbeln ausgestattet sowie mit einer bestmöglichen Verdunkelung, war der Dokumentarfilm während der Probebühne 5 in der Dauerausstellung „Mythos Goldenes Dreieck“ zu sehen.

Die Shorts haben eine Länge von ein bis zwei Minuten. Da hier kein Material verwendet werden sollte, das schon im Film zu sehen ist, wurden die Kurzfilme erst nach dessen Fertigstellung montiert. Inhaltlich sind unterschiedliche Ansätze gewählt, die einen konkreten Bezug zu Objekten der Dauerausstellung herstellen (zum Beispiel zum Thema Bekleidung) oder sich eher abstrakt auf sie beziehen (wie Hochzeit, Familie). Zu einer Präsentation der fünf Shorts innerhalb der bestehenden Ausstellung kam es nicht, sie sind aber auf der Internetseite des Humboldt Lab online abrufbar.

Wie in ihren anderen dokumentarischen Arbeiten wollte die Regisseurin auch bei diesem Film auf jeglichen Kommentar verzichten und keine Musik einsetzen. Es entwickelte sich dann die Idee, mit Gesängen und selbst gemachter Musik der Vangs sowie mit Geräuschen des Ortes zu arbeiten. Deshalb wurde in der Postproduktion verstärkt am Sounddesign gearbeitet.

Das Experiment einer Begegnung

Das Humboldt Lab-Projekt „HMONG sein. Begegnung mit einer Familie“ hat versucht, gemeinsam ein authentisches Bild von den ProtagonistInnen zu generieren und zu erzählen, was es bedeutet, in der Diaspora zu leben. Die zwölf zur Filmpremiere angereisten HauptdarstellerInnen und weitere Familienmitglieder (Yao Vang und Lao Vang, Tchoua, Tcheng und Anja Vang, Xou Vang und See Lee, Rosana del Carmen, Liliana und Khai Vang, Flavia und Miguel Vang) waren mit dem Ergebnis sehr zufrieden und stolz, als VertreterInnen ihrer Kultur ihre Geschichte im musealen Kontext anderen zur Verfügung zu stellen.

Die filmische Momentaufnahme „HMONG sein“ dokumentiert die Neupositionierung der in der Diaspora lebenden Minderheiten und erfüllt damit grundlegende Anforderungen des Humboldt-Forums: einen Gegenwartsbezug herzustellen und Multiperspektivität zuzulassen. Darum wird der 25-minütige Film dort auch künftig im neuen Ausstellungsmodul „Kampf um Selbstbestimmung“ Verwendung finden, das die Rolle und die Situation von Minderheiten in Nordostindien (Nagaland) und der Region des Goldenen Dreiecks in Südostasien thematisieren wird.


Dr. Roland Platz ist seit 2009 Kurator für Süd- und Südostasien am Ethnologischen Museum in Berlin. Nach dem Studium der Ethnologie und Soziologie in Freiburg folgten längere Forschungsaufenthalte in Nordthailand und mehrjährige freiberufliche Tätigkeiten als Dozent, Trainer und Journalist. Sein besonderes Interesse gilt den Minderheiten Südostasiens und den damit verbundenen Identitätsfragen.

Die Regisseurin Bettina Renner realisiert seit 2006 Dokumentationen und Dokumentarfilme, unter anderem für ZDF, ARTE und ARD, sowie Videoinstallationen. Ihre Filme wurden auf internationalen Filmfestivals gezeigt und prämiert. Für ihren letzten Dokumentarfilm „begrabt mein herz in dresden“ erhielt sie 2013 in Los Angeles den „Achievement Award for Documentary Filmmaking“. Sie studierte Amerikanistik, Kommunikationswissenschaften und Wirtschaftswissenschaften in Dresden und in den USA.

Barbara Schindler ist im Bereich der Kultur-PR tätig. Nach dem Studium der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaften und Französisch arbeitete sie beim Carl Hanser Verlag, der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz und Tanzplan Deutschland. Für das Humboldt Lab Dahlem betreut sie gemeinsam mit Christiane Kühl die Online-Dokumentation der Projekte.


Ein Gespräch zu diesem Projekt finden Sie hier.