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HMONG sein. Begegnung mit einer Familie / Positionen

„Nicht Gewesenes abbilden, sondern Prozesse dokumentieren“

Wie kann mit Film Gegenwart ins Museum gebracht werden, ohne die Objektwelt zu vergewaltigen? Die Filmemacherin Bettina Renner, der Ethnologe Steffen Köhn und der Ausstellungsmacher Martin Heller über das Potenzial des Mediums und den Blick der Visuellen Anthropologie.
Interview: Christiane Kühl

Frau Renner, Sie sind Dokumentarfilmemacherin für Kino und Fernsehen. Im Auftrag des Humboldt Lab Dahlem haben Sie mit „HMONG sein. Begegnung mit einer Familie“ nun einen Film für das Ethnologische Museum gedreht. Hat das Bewusstsein, einen ethnografischen Film zu drehen, Ihren Blick auf die Menschen und Ihre Arbeitsweise beeinflusst?

Bettina Renner: Eigentlich nicht. Der Kern des Projekts war: Was ist die Identität der Hmong auf der Schwäbischen Alb? Und wie hat sich diese über die drei Generationen, die Familie Vang dort lebt, verändert? Mein Zugang fußte auf meinen Erfahrungen als Regisseurin, und dazu habe ich Rüstzeug bekommen vom Kurator, der mir gesagt hat, welche Fragestellungen ihn interessieren. Zugleich aber habe ich mir und meinem Team die Aufgabe gestellt, die Protagonisten selbst einzubeziehen. Von Anfang an, in vielen Gesprächen. Das ist etwas, das diesen Film von anderen unterscheidet. Ich wusste, dass das schwierig ist, weil man Menschen damit auch schnell überfordern kann. Weil sie denken, man hätte bestimmte Erwartungen, und diesen entsprechen möchten.

Steffen Köhn, Sie kennen den Film von Frau Renner und auch das historische Filmmaterial, das Ulrike Folie für das Projekt „Süd sehen“ zusammengestellt hat. Woran erkennen Sie als Kulturanthropologe, dass es sich einmal um einen Film aus dem 21. Jahrhundert handelt und bei den anderen Filmen zum Großteil um Aufzeichnungen aus dem 20. Jahrhundert?

Steffen Köhn: Das ist eine gute Frage – aber ich glaube, dass der Schnitt gar nicht zwischen dem 20. und dem 21. Jahrhundert liegt. Die „Süd sehen“-Ausstellung deckt ja spannenderweise einen weiten Zeitabschnitt ab, und man kann da bereits große Veränderungen des Filmemachens erkennen. Was diese Filme so interessant macht, auch in der Geschichte der Visuellen Anthropologie, ist, dass Papua-Neuguinea nach der Öffnung in den 1960er Jahren einer der wenigen Orte auf der Welt war, wo es noch First Contact-Situationen gab. Da konnte sich eine neue Generation von Ethnologen mit ihren theoretischen Überlegungen, Methodologien und neuen Ideen zum Filmemachen ausprobieren. Man kann in der Ausstellung sehen, wie die Filme immer reflexiver wurden und wie sich vor allem in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts dann der Blick umdreht auf uns Europäer und auf unser Schauen.

Filme wollen nicht nur gesehen, sondern auch gezeigt werden. Herr Heller, diese Frage geht an Sie als Leiter des Humboldt Lab Dahlem und als Ausstellungsmacher: Warum werden die Filme, über die wir hier sprechen, nicht im Museumskino präsentiert, sondern in den Ausstellungen zwischen den Exponaten?

Martin Heller: Für das Humboldt Lab gab es zwei Beweggründe für „Süd sehen“. Zum einen haben wir mit einem Vorgängerprojekt ja überhaupt erst ermöglicht, dass der Bestand an ethnografischen Filmen in Dahlem erschlossen und zugänglich wurde. Jetzt ging es uns um die exemplarische Untersuchung, welches Potenzial im Verbinden zweier Welten steckt: der medialen Welt und jener der Gegenstände, um die es im Museum immer und in erster Linie geht. Dabei gilt es zu bedenken, dass es im Museum einen Generationen-Gap gibt. Es gibt ältere KuratorInnen, denen es schwerfällt, das Potenzial von Filmen zu erkennen. Es geht ja nicht nur darum, dieses oder jenes medial zusammenzufügen. Das Museum kann auch aktiv sein, es kann Auftraggeber werden wie im Fall von „HMONG sein“. Wir können uns prospektiv überlegen: Wo wollen wir das Medium einsetzen? Da ist natürlich die jüngere Generation der EthnologInnen ganz anders aufgestellt. – Wie war denn Euer Eindruck, als Ihr die Ausstellung gesehen habt?

Köhn: Ich fand es spannend, dass es einen Faden gab zwischen den Objekten und den Filmen, die einerseits einen lebensweltlichen Kontext gezeigt haben, aber andererseits auch keine Eins-zu-eins-Übersetzung. Dass es Reibung gab und einen manche Filme auf andere Fährten geführt haben. Der Film „Ich bin ein Kanake“ zum Beispiel hat einen auf sich selbst zurückgeworfen. Da ging es nicht um eine fremde Kultur von außen, sondern auch darum, wie man selbst mit diesem Begriff groß geworden ist. Ähnlich ging es mir auch bei „HMONG sein“: Das Faszinierendste fand ich, die Hmong schwäbisch und französisch reden zu hören. Und da bin ich auch schon bei einem Problem der Sammlungen, die stets so taxonomisch sauber geordnet sind, nach Nationalitäten und Staaten und Ethnien ... Als Ethnologe heute beschäftigt man sich ja viel mehr mit Transnationalismus, Synkretismen und Migration. Die Frage ist doch: Wie bringt man die Globalisierung in einen Ausstellungskontext? Und Dein Film hat mir das schon allein über die Sprache gut vermittelt.

Renner: Mich interessiert es immer, wie Film in Ausstellungen funktionieren kann, sodass er eben nicht nur flimmerndes Beiwerk ist oder mir erklärt, was ich sehe, sondern dass durch das Bild etwas Neues entsteht. Und es war spannend herauszufinden, wie man einen 25-Minuten-Film so schneiden kann, dass er als Loop funktioniert. Also dass man klassische Erzählbögen hat, aber auch die BesucherInnen jederzeit ein- und aussteigen können.

Köhn: Ich glaube, ethnografische Sammlungen können viel von zeitgenössischen Kunstausstellungen lernen. Nehmen wir die Zweikanal-Installation „All That Is Solid Melts Into Air“ von Mark Boulos, die auf einer Leinwand den Kampf der Ogoni-Rebellen im Nigerdelta in Nordnigeria zeigt, wo Shell Öl fördert, und auf der anderen Leinwand die kanadische Börse, wo mit Futures, also Terminkontrakten auf Rohstoffe, gehandelt wird. Das ist ein gutes Bild der Globalisierung. So etwas würde ich mir auch im ethnologischen Kontext mehr wünschen. Das hieße wahrscheinlich, sich von den Sammlungen etwas zu verabschieden. Oder man muss es schaffen, die Objekte wieder in einen transnationalen Zusammenhang zu bringen. Fragen der Provenienz werden zu oft unterschlagen.

Heller: Sammlungsgeschichte ist ein ganz eigenes Projekt, dem wir mit „Objektbiografien“ im Rahmen der Probebühne 6 nachgehen. Aber die Frage, wie ich präsentiere und untersuche, in welchem Medium, die stellt sich immer wieder. Bei „Süd sehen“ war es ein deklariertes Ziel, Gegenwart ins Spiel zu bringen, ohne die Gegenstände zu vergewaltigen. Wäre es möglich gewesen, die Filme mit den Gegenständen in Vitrinen zu zeigen? Hätte das einen Unterschied gemacht?

Renner: Das müsste man ausprobieren. Auch in Bezug auf Raumnutzung kann man sich von Kunstausstellungen inspirieren lassen. Bei Artur Zmijewskis Installation „Democracies“ zum Beispiel war der Raum voller Monitore, die Proteste weltweit gezeigt haben. Aber der Ton kam von der Decke und je nachdem, wie ich mich positioniert habe, bin ich einer der vielen Geschichten gefolgt. Ob ich stehe oder sitze, ob ich Ton im Raum oder über Kopfhörer höre – all das macht einen Unterschied und hat eine Wirkung darauf, wie ich wahrnehme.

Sowohl „All That Is Solid ... “ als auch „Democracies“ sind großartige Werke. Sie beziehen sich aber nicht auf Objekte, die im Ausstellungsraum sind. Um dieses Verhältnis geht es hier: Wie kann der Film in einer fruchtbaren Beziehung zum Objekt stehen? Oder andersrum: Wie verhindert man es, dass der Film dem Objekt die Schau stiehlt? Denn das kann natürlich auch passieren, das bewegte Bild zieht ja leicht alle Aufmerksamkeit auf sich.

Köhn: Viele Objekte im Museum, gerade wenn es kultische Objekte sind, haben einen Gebrauchswert. Sie nur aufs Ästhetische zu reduzieren, ist eine sehr westliche Herangehensweise, eine Kunstauffassung, die mit den lokalen Kontexten nichts zu tun hat. Für solche Objekte wäre es toll, wenn ein Film genau für sie produziert würde, der sie in soziale und kulturelle Zusammenhänge stellt. In der „Süd sehen“-Ausstellung wurde dagegen eher eine symbolische Beziehung hergestellt. Das gefällt mir sehr gut, weil die Objekte so zu Wegweisern werden, die noch mal ganz woanders hinführen. Die Ausstellung wird so ein kleines Netzwerk.

Heller: Die Menge, das Verhältnis der Objekte zum Film, spielt eine wichtige Rolle. Wir haben mit den Filmen eine Art Punktierung der Sammlung unternommen. Auf der einen Seite kann man vielleicht sagen, dass „Süd sehen“ nicht weit genug ging im Experimentieren mit anderen Formen der Repräsentation. Aber auf der anderen Seite hat diese Bescheidenheit sichergestellt, dass die Objekte noch intakt sind. Das fand ich interessant, dass Zurückhaltung als System begriffen eine Wirkung entfalten kann. Ulrike Folie und Markus Schindlbeck haben bewusst versucht, einen Fächer unterschiedlicher Beziehungen aufzumachen. Es ist ein Riesenunterschied, ob ich den Film nutze, um die Gegenwart darzustellen, in der ich keine Objektwelten mehr habe, oder ob ich – so wie hier – versuche, mit dem Film die Objektwelt zu verstärken, auszuhorchen. Was das Humboldt-Forum betrifft, überlegen wir noch, ob es ein Programmkino mit globalen, gegenwärtigen Filmen geben kann. Aber das hat mit der Ausstellung nur bedingt zu tun.

Renner: Ich habe im Vorfeld meiner Arbeit viel über die Hmong gelesen. Auch von amerikanischen Hmongfilm-Produktionsfirmen, die Filme über Hmong drehen und diese in die Communities schicken, damit die Communities sich ihre Heimat und Bräuche anschauen können. Auch Familie Vang hat mir sehr stolz einen solchen Film gezeigt. Daher kam meine Angst, dass die Familienmitglieder glauben, bestimmten Erwartungen entsprechen zu müssen. Eines Tages sagten die Frauen, sie wollten etwas für uns machen. Als Filmemacher erschrickt man da erst mal, das ist normalerweise der Horror, wenn Menschen etwas explizit für die Kamera tun. In dem Fall habe ich aber zu mir gesagt: Bettina, lass es einfach geschehen, das ist Teil des Projekts. Sie haben dann Reiskuchen gebacken, was eigentlich nur am Neujahrstag geschieht. Die Frauen wollten unbedingt, dass diese Tradition im Museum gezeigt wird. Deshalb wollten sie diese Aktion für den Film machen. Das hat mich dann glücklich gemacht, denn in diesem Moment wurde klar, dass sie den Film als den ihren begriffen haben.

Was haben Sie der Familie gesagt, warum Sie den Film machen wollen? Es ist ja doch merkwürdig, wenn man zu Lebzeiten musealisiert wird.

Renner: Ich habe gesagt, dass es mich interessiert, wie sie leben und wie sich ihr Leben, ihre Kultur über die Generationen verändert hat. Dass der Film im Museum läuft, hat sie eher stolz gemacht. Gleichzeitig war mir und der Editorin Mona Bräuer klar, dass wir eine besondere Verantwortung der Familie gegenüber haben, wenn ihr Leben plötzlich im Loop vor Publikum läuft, und das für eine sehr lange Zeit. Man hat immer eine Verantwortung den Menschen gegenüber, die man filmt, aber diese Dauer und der Ort machen einen Unterschied.

Heller: Verantwortung treibt ja alle um, auch die MuseumskuratorInnen, die ihre Verbindung zum Objekt und zu den Source Communities immer überprüfen müssen. Aber es ist sehr schwierig, das in einer Ausstellung zu zeigen – die Objekte allein geben das nicht her. Daher kommt der Reiz der Kombination der Filme von „Süd sehen“ mit der Dauerausstellung.

Köhn: Man kann das auch konsequent weiterdenken und sagen, wenn ein Objekt zurückgegeben bzw. repatriiert wird, dann kann die Vitrine auch mal leer bleiben, und man zeigt statt des Objekts einen Film über diesen Aushandlungsprozess. Ich glaube, das ist die Herausforderung an ein gutes ethnografisches Museum heute: Nicht den Status quo von etwas Gewesenem abzubilden, sondern Prozesse zu dokumentieren. Und da birgt Film ein großes Potenzial.

Heller: Das Humboldt Lab möchte mit solchen Projekten ja auch eine Initialzündung geben für das Humboldt-Forum. Wir machen die Erfahrung, dass die Zusammenarbeit zwischen EthnologInnen und FilmemacherInnen schwierig ist. Könnt Ihr Euch erklären, warum das so ist?

Köhn: Es gibt die Angst, dass mit dem Film Verflachung in die Ethnologie kommt, weil er populistisch und kein theoriefähiges Medium sei.

Renner: Es wird nicht gesehen, was Film sein kann: eine Bereicherung. Ohne dass damit das Bestehende in Frage gestellt wird. Das ist das Missverständnis.

Köhn: In Aarhus in Dänemark gibt es ein neues ethnografisches Museum, das Moesgaard, das fast keine Sammlung hat, aber sehr gute Möglichkeiten zur Projektion von Film. Ich bin sehr gespannt, ob das eine Blaupause werden kann für ein ethnografisches Museum, das den kolonialen Ballast gar nicht mit sich trägt. Sondern das sich mit zeitgenössischen Themen zeitgenössisch auseinandersetzt.


Martin Heller ist Mitglied der Leitung des Humboldt Lab Dahlem.

Steffen Köhn ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Masterstudiengang Visual and Media Anthropology am Institut für Ethnologie der Freien Universität Berlin.

Bettina Renner lebt als Dokumentarfilmregisseurin in Berlin. Für das Humboldt Lab Dahlem realisierte sie die Dokumentation „HMONG sein. Begegnung mit einer Familie.“

Christiane Kühl ist Journalistin und Theatermacherin. Für das Humboldt Lab Dahlem betreut sie gemeinsam mit Barbara Schindler die Online-Dokumentation der Projekte.

Das Gespräch wurde im März 2015 in Berlin-Dahlem geführt. Es bezieht sich gleichermaßen auf das Projekt „Süd sehen“, Probebühne 4, weshalb es auch in diesem Dossier erscheint.